Ruth Stoltenberg Fotografie
Was bleibt
Diese Serie ist eine visuelle Spurensuche in den Lebensräumen zweier Frauen, die mir nahestanden: meine Großmutter und meine Schwiegermutter. Beide erreichten das Alter von 97 Jahren und verbrachten über sechs Jahrzehnte in ihren Wohnungen – die eine in der Abgeschiedenheit eines Dorfes, die andere in der Anonymität der Großstadt. Im hohen Alter jedoch nivellierten sich diese Unterschiede; die Räume wurden zu ihrem gesamten Universum.
Obwohl die Fotografien fast zeitgleich im Jahr 2022 entstanden sind, trennen die beiden Todesfälle 16 Jahre. Während die Wohnung meiner Schwiegermutter unmittelbar nach ihrem Tod im Jahr 2022 dokumentiert wurde, blieb die Wohnung meiner Großmutter seit ihrem Fortgang im Jahr 2006 nahezu unberührt – eine konservierte Zeitkapsel im Haus meiner Eltern.
Aus dem Bedürfnis heraus, das Vergangene festzuhalten, bevor es sich auflöst, fotografierte ich beide Orte in einem gemeinsamen Prozess. Dabei wurde die Selbstinszenierung zu einer Form der Annäherung: Ich schlüpfte in die Kleider der Verstorbenen und platzierte mich vage in ihren Räumen. Es ist ein stilles Aufbegehren gegen das Vergessen und eine Auseinandersetzung mit der Endlichkeit. Die Bilder verbinden das friedliche Sterben nach langer Krankheit mit dem abrupten Abschied nach einem Sturz und untersuchen, was bleibt, wenn ein langes Leben an seinem Ziel angekommen ist.
Gemeinschaftsausstellung Tilt/Shift im Rahmen der Darmstädter Tage der Fotografie
im Justus-Liebig-Haus, Darmstadt
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