StadtTraum

Ruth Stoltenberg Fotografie

„Ruth Stoltenberg fasziniert die Schnittstelle zwischen konkreten und imaginären Räumen in der Stadt. Mit ungewöhnlichen Perspektiven und einem sehr eigenwilligen fragmentarischen Blick filtert sie aus dem Chaos der uns umflutenden Bilder- und Zeichenwelten präzise formulierte Kurzgeschichten heraus. Sie entführt uns in ihre StadtTräume, bei dem alle logischen und funktionalen Kontexte aufgehoben scheinen. Die abgebildeten Räume und Objekte entwickeln gerade deshalb eine starke sinnliche Präsenz, die unsere Phantasie beflügelt und sie dabei auch ins Absurde driften lässt.“ (Wolfgang Zurborn)

 

 

 

 

 

Vorwort von Wolfgang Zurborn aus dem Katalog mit Fotografien von Marina d’Oro, Oliver Gerhartz, Beate Hoerkens, Christian Kosfeld, Xavier Ribes, Dieter Seitz, Ruth Stoltenberg, Lena Treugut, Martina Zschocke

 

 

Die Stadt als lebender Organismus. Walter Ruttmann hat schon 1927 in seinem berühmten Film „Berlin. Die Symphonie einer Großstadt“ eindrucksvoll deutlich gemacht, dass es kein Widerspruch sein muss, das künstlerische Experiment zu suchen und dabei doch ein Dokument seiner Zeit zu schaffen. In rhythmischen Montagen hat er den Puls des modernen Lebens eingefangen. Bilder und Musik verdichten die Energien des Urbanen. Der Gedanke, ein objektives Bild der Welt entwerfen zu können, liegt hier sehr fern. Ist es möglich, mit dem Medium der Fotografie eine ähnlich komplexe Vision zu entwerfen? Eine wichtige Voraussetzung dafür ist es, die immer noch existierende ideologische Kluft aufzuheben zwischen dem dokumentarischen Abbild der Lebensräume mit dem Anspruch auf Objektivität einerseits und einer subjektiven Wahrnehmung unserer Welt andererseits, die sich der Konstruktion von Wirklichkeit bei jeder fotografischen Arbeit bewusst ist.

 

In dem Seminar Die Erfindung des Realen von Wolfgang Zurborn an der Neuen Schule für Fotografie in Berlin haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf ein Experiment des Sehens eingelassen, auf eine Suche nach fotografischen Bildern, die Ausdruck ihres ganz persönlichen Erlebens der Stadt sind, von ironischer Distanz bis hin zu melancholischer Verschmelzung. In der Addition fügen sich diese Visionen des Urbanen wie ein Puzzle zu einem komplexen Dokument über unsere medial geprägten Städte zusammen. Die Identität der heutigen von Massenmedien durchdrungenen Städte besteht gerade darin, dass sie keine einheitlichen Räume mehr darstellen, sondern aus vielen Teilräumen bestehen, die sich nur für den wachen Betrachter wieder wie in einer Collage verknüpfen.

 

 

 

 

eigene Bescheibung meiner Serie "Stadttraum"

Wenn ich mit meiner Kamera durch die Stadt spaziere, scheint hinter jeder Ecke eine kleine Geschichte zu lauern. Aufmerksam werde ich vielleicht durch die Dekoration eines Schaufensters, die Spiegelung in einer Wasserpfütze, das Plakat an einer Litfasssäule oder ein Graffiti. Aber da ist noch etwas, das mich zum genaueren Hinschauen veranlasst. Es ist die Anordnung dieser bemalten oder gespiegelten Flächen und Objekte im Raum, ihr Bezug zur realen Umgebung, das Nebeneinander von konkretem und abstraktem Raum. Zwei Welten können hier aufeinander prallen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben, im Bild jedoch so zusammengeführt werden, dass sie nun eine eigene Geschichte erzählen, als neuer Kontext erfahrbar sind. So fährt etwa plötzlich ein Zug durchs Jugendzimmer, sitzt Marilyn Monroe als Putzfrau in einer Ecke, vertieft in ein Buch. Entscheidend ist die Wahl der Perspektive und des Ausschnitts sowie das Spiel mit Licht und Schatten. Die Anordnung der einzelnen Elemente wie z.B. Text, Material, Struktur, Form oder Farbe unterliegt somit einer gewissen Kontrolle, die Fülle bzw. Vielschichtigkeit verlangt nach Organisation. Denn der Reichtum an Details soll den Betrachter nicht „erschlagen“, sondern ihn dazu verleiten, selbst einen Bezug zwischen den Elementen herzustellen und zwischen den fotografischen „Tiefen der Räume“ zu flanieren.